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16. MAI 2011

Eine etwas andere Art der Zusammenkunft

Eine Frau ist sterbenskrank und bittet darum, dass Gott ihr Kraft gibt. Ein Mann wird bei der Arbeit gemobbt. Er wünscht sich, dass Gott ihn beschützt. Wieder eine andere hat Bekannte in der Psychiatrie - sie hofft, dass Gott ihnen weiterhilft. Alle Drei schreiben ihre Anliegen auf orangefarbene Zettelchen, die sie in eine Box werfen, die durch die Kirchenbänke gereicht wird. Die Drei sind Besucher des Happy-Hour Gottesdienstes - der „glücklichen Stunde” - in der Memminger Frauenkirche.

Die Sache mit den Gebetszetteln ist für einen Gottesdienst ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist auch, dass dort, wo Essen und Trinken normalerweise verboten sind, Kaffeekannen, Saftflaschen und Keksschalen stehen. Es gibt an diesem Sonntagvormittag auch keinen Pfarrer und statt der Orgel spielt eine Gitarre. Nichtsdestotrotz, oder vielleicht auch gerade, weil manches anders ist, ist die Frauenkirche auffallend voll. 225 Menschen sind gekommen. Darunter erstaunlich viele junge Leute. Sie singen Lieder aus orangefarbenen Ringbuchordnern und klatschen im Takt.

Kinospot lockt Besucher an

Einige sind durch einen Kinospot im Memminger Cineplex auf diesen Gottesdienst der anderen Art aufmerksam geworden. Manche haben von Freunden oder Kollegen davon erfahren, wieder andere übers Internet - über die sozialen Netzwerke „Facebook” und „Twitter”. „Mir ist mal ein Flyer mit Infos zum Happy-Hour-Gottesdienst in die Hände gefallen. Seitdem kommen wir öfters her”, sagt eine 19-Jährige und ihr Freund nickt: „Die Musik ist cool und die Inhalte sind interessant.”

An diesem Sonntag steht das Thema „Mobbing” im Mittelpunkt: „Aus kleinen Kratzern können eitrige Wunden werden”, sagt ein Mann am Mikrofon, Stefan Binzer aus Reutlingen. Vor vielen Jahren wurde er selbst gemobbt, verlor seinen Job und mehr: Innerhalb weniger Monate starben seine Frau, seine Mutter und sein Vater. Dann stand er mit vier Kindern alleine da.

„Schafe halten ihrem Hirten die Rübe hin und lassen sich von ihm salben, damit das Ungeziefer sie nicht plagt”, sagt Binzer. „Wir können Gott die Rübe hinhalten. Auch er wird unsere Wunden verarzten.”

Arved und Markus nicken. Sie wissen, wovon der Referent spricht: „Klar. Mobbing ist auch bei uns ein Thema. Nicht nur bei den Erwachsenen in der Arbeit”, sagt der 14-jährige Arved. „In unserer Schule wird andauern jemand gemobbt. Das Gute ist, dass man es in der Clique besser erträgt, als wenn man ganz alleine dasteht.” Arved und Markus kommen oft zur Happy-Hour in die Frauenkirche: „Die Stimmung ist super und manchmal spielen auch Bands”, sagt Markus mit den dunklen Rastalocken.

Kinder werden betreut

Kinder, die nicht mit in die Kirche wollen, werden während des eineinhalbstündigen Gottesdiensts nebenan im Gemeindehaus betreut. Manch ein Baby nimmt aber auch an der „glücklichen Stunde” teil und krabbelt über den Kirchenfußboden. Das Thema Mobbing kennt es zum Glück noch nicht.

Ein Artikel der Memminger Zeitung von Eva Maria Häfele

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